Tatsächlich außerordentlich interessant

Tatsächlich außerordentlich interessant

Bus zu fahren, ist für viele Menschen in unserem Land tatsächlich zu einem Selbstverständnis geworden. Besonders in den Städten ist der Öffentliche Personennahverkehr zu einem tragenden Transportmittel geworden. Freilich ist es schon sehr lange her und deshalb kann man es sich auch wirklich kaum vorstellen, dass es so etwas nicht schon immer gab.

Anfang des letzten Jahrhunderts war es genau umgekehrt. Damals konnte sich niemand vorstellen, sich einfach in einen Bus zu setzen und damit an ein Ziel in mehreren Kilometern Entfernung, gemütlich und geschützt vor Wind und Regen, zu fahren. Strecken von 10, 20 oder noch mehr Kilometern mussten gelaufen werden. Zumindest von der arbeitenden Bevölkerung. Bei jedem Wetter. Egal, ob es stürmte oder schneite. Und – es ist möglich, dass es damals sogar noch Wölfe in unserer Gegend gab. Da war so ein Marsch zur Arbeit, besonders bei Dunkelheit, bestimmt keine besonders entspannende Angelegenheit.

Nun, der letzte Gedanke stammt von mir und wurde in Dr. Uli Knopfs Vortrag nicht erwähnt. Dieser befasste sich nämlich mit dem Thema, wie und wann der Busverkehr zu uns auf die Saalfelder Höhe und natürlich speziell auch zu uns nach Wickersdorf kam.

Eigentlich sollte dieser Vortrag bereits am 22. November 2025 stattfinden. Damals stand er allerdings unter keinem guten Stern und musste aus gegebenen Anlass abgebrochen werden. Ich will an dieser Stelle nicht näher auf die Umstände eingehen. Am 07. März 2026 um 19.00 Uhr forderte Uli seine Gäste zur Erinnerung an den damaligen Vorfall in angebrachter Weise zu einer Gedenkminute auf.

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Vorher hatte der Vorstandsvorsitzende, Haiko Jakob, die Teilnehmer im Namen des Heimatvereins herzlich begrüßt. Dass ich mich bemüht hatte, im Interesse des körperlichen Wohlbefindens unserer Gäste eine gewisse Auswahl von Getränken heranzuschaffen, sei am Rande ebenfalls erwähnt.

Das Thema, das Uli für seinen Vortrag gewählt hatte, war tatsächlich außerordentlich interessant. Es vermittelte Einsichten, über die man heutzutage nur wenig bis überhaupt nicht nachzudenken pflegt. Sicherlich ist jedem von uns bewusst, dass es die Leute früher auch nicht immer leicht hatten. Wie die Lebensumstände unserer Vorfahren aber im Einzelnen aussahen, wer denkt da heute schon darüber nach.

Geschichtsinteressierte Leute, wie Uli Knopf zum Beispiel. Und er zögerte ja noch nie, uns an seinem umfangreichen Wissen teilhaben zu lassen. Wie es war, als es noch keine motorisierten Fahrzeuge gab? Uli kannte die Antwort. Niemand konnte einfach nach Saalfeld zum Einkaufen fahren. Wo es übrigens auch noch keine Supermärkte gab. Im Klartext heißt das, die Leute mussten das ganze Jahr über mit dem auskommen, was Feld, Wald und Garten zum Überleben lieferten. Umstände also, die heutzutage in unseren Breiten unweigerlich zu einem Massenaussterben führen würden. Was im Umkehrschluss ganz sicher einen Segen für die uns umgebende Natur bedeutete.

Anfängliche öffentliche Beförderungsmöglichkeiten, die allerdings sehr wahrscheinlich auch nur von wenigen wohlhabenden Personen genutzt werden konnten, bot die Post an. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein allerdings ausschließlich von natürlichen Pferdestärken bewegt. Motorisierte Fortbewegungsmöglichkeiten entwickelten sich dann etwa am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Auch diese dürften ärmeren Bevölkerungs-schichten aber eher ebenfalls verwehrt geblieben sein.

Ein wichtiger Grundstein für die Weiterentwicklung des Verkehres war der Straßenbau zur selben Zeit wie das Aufkommen von Automobilen. Damit war schließlich eine kontinuierliche Verbesserung des Busverkehrs möglich. Wickersdorf war allerdings insofern beeinträchtigt, dass LKWs den Anstieg der alten Straße bis zu ihrem höchsten Niveau nicht schafften. Was schließlich den Bau der neuen Straße notwendig machte. Bekannterweise führte auch der wirtschaftliche Aufschwung im dritten Reich zu weiteren Verbesserungen der Infrastruktur. Davon war die Erreichbarkeit der Saalfelder Höhe sicher nicht ausgenommen. Und wahrscheinlich ist vielen auch bekannt, dass der Wiederaufbau nach dem Krieg in der DDR ungeahnte Kräfte entfesselte. Was man von den Zeiten nach der Wende wahrscheinlich nicht so ganz uneingeschränkt behaupten kann.

Natürlich enthielt Ulis Vortrag weit mehr Fakten und Details, als ich sie hier in diesem kurzen Bericht wiedergeben kann. Sehr beeindruckend waren auch die Fotos von den Vehikeln, mit denen die Leute teilweise transportiert wurden. Sie riefen sicherlich manches Schmunzeln hervor. Und auch Erinnerungen an Zaunsfelder, die der Wucht des Aufpralls nicht standhalten konnten.

Am Ende seiner Ausführungen wurde Uli mit reichlich Applaus bedacht. Den hatte er sich redlich verdient. Da der Abend noch nicht allzu spät war, nutzten die meisten der Gäste noch die Gelegenheit, ein wenig gemeinsame Zeit zu verbringen und sich über das gerade Gehörte, oder über andere mehr oder weniger belanglose Dinge auszutauschen. Mir blieb die Feststellung nicht erspart, dass meine herangeschafften Geträn-ke keinen übertrieben großen Zuspruch erhalten hatten. Zum Trost fand ich aber zwei emsige Helfer, die die Rester wieder die Treppe hinauf zu ihrem Ursprungsort brachten.

Wenn ich mir allerdings die Spritpreise betrachte, die von unseren Mineralölkonzernen seit dem von Amerika und Israel gegen den Iran eröffneten Krieg an ihren Zapfsäulen aufgerufen werden, frage ich mich, wie lange sich ein in Deutschland lebender Otto Normalverbraucher noch eine Fahrt mit dem Bus leisten kann.

 

Heimatverein Wickersdorf e.V.                                                         Eddy Bleyer

 

März 2026

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