Ich gebe ehrlich zu, dass ich mich gar nicht so genau erinnern kann, wie es mit der Tradition der Maibäume hier in unseren Höhendörfern in der Vergangenheit ablief. Als ich noch ein Kind war, gab es Maibäume in Wickersdorf. Jedes Jahr, soweit ich mich entsinne. Ein Lampionumzug am Abend gehörte wohl auch dazu. Und kindgerechte, kleine Geschenke hingen jeweils an dem Maibaum, die man sich allerdings durch Hochklettern erobern musste. Was aber wirklich den jüngsten Vertretern der Bevölkerung vorbehalten war. Was in den umliegenden Ortschaften damals am 1. Mai so los war, darüber ist mir, ehrlich gesagt, gar nichts bekannt.
Später, als ich dann wohl schon ein Jugendlicher war, wurden die Maifeiern zentralisiert. Sie fanden in Kleingeschwenda, das wegen der Stationierung der LPG wohl als wirtschaftlicher Mittelpunkt der Saalfelder Höhe angesehen wurde, statt. Einen eigenen Maibaum hatte Wido zu dieser Zeit, wie ich glaube, nicht. Falls jemand etwas Anderes weiß, möge er mich aufklären. So könnte es theoretisch dann bis zur Wende weitergegangen sein. Sicher bin ich mir da allerdings nicht. Möglicherweise gab es größere Veranstaltungen zum 1. Mai ab Ende der 1970-er oder Anfang der 1980-er Jahre dann schon nur noch in Saalfeld.
Ab wann man schließlich in den einzelnen Gemeinden wieder dazu überging, eigene Maibäume aufzustellen, entzieht sich leider auch meiner Kenntnis. Gut erinnern kann ich mich allerdings an die Marotte der ersten Jahre, dass mit Sägen bewaffnete Trupps des Nachts von einem zu den anderen Dörfern unterwegs waren, um denen ihren eben erst mühsam aufgerichteten Maibaum kurzerhand zu fällen. Diese etwas fragwürdige Tradition hat sich allerdings inzwischen, soviel ich weiß, gänzlich erledigt.
Wie gesagt, der zeitliche Ablauf der Entwicklung ist, was meine Kenntnisse angeht, tatsächlich sehr lückenhaft dokumentiert. Leider.
Was ich aber weiß, dass sich das Aufstellen unseres Maibaumes in der Neuzeit zu einer beliebten Feierlichkeit für das ganze Dorf entwickelte. Ein sich anschließendes, mächtiges Walpurgisfeuer bietet dem ganzen Procedere in der Regel einen würdigen Abschluss.
Genau diese Vorgaben galten nun auch für den 30. April 2026. Mit kleinen Änderungen im Detail allerdings. Hatten die Kameraden der Feuerwehr früher ihren Grill zu Anfang immer vorne auf dem Dorfplatz zu stehen, wurde dieser heuer gleich hinten am Lagerfeuerplatz aufgebaut.
Wegen Personalmangel. Gut vorstellbar, denn ein gewisser Schwund bei den Mitgliederzahlen unserer Feuerwehr lässt sich wohl nicht leugnen. Dazu kam, dass Michel Harbich, einer der Frontmänner beim Aufstellen des Maibaumes, wegen der Folgen seiner Hüftoperation nicht einsatzfähig war.
Der ungewohnte Standort des Grills veranlasste also viele Schaulustige, erst einmal zum Lagerfeuerplatz zu pilgern, um mit einer Bratwurst eine nahrhafte Grundlage für den weiteren Verlauf der Veranstaltung zu schaffen. Wobei man sich dort auch gleich mit flüssiger Nahrung versorgen konnte. Ungewohnt war also das Bild gähnender Leere auf dem Dorfplatz, als der Baum, samt der Transportmannschaft am oberen Dorfeingang auftauchte. Die Kameraden legten dann aber noch eine längere Rast an Harbichs Grundstück ein.
Ob dies einem praktischen Zwecke diente, konnte ich nicht ausmachen – jedenfalls verging dabei so viel Zeit, dass sich währenddessen doch noch ein paar Leute auf dem Dorfplatz versammelten, um dem wichtigsten Akt des Abends persönlich beizuwohnen.
Worauf sich dann irgendwann der Tross mit dem Baum wieder in Bewegung setzten, um diesen in die notwendige Ausgangsstellung zu bringen.
Die Technik, mit deren Hilfe der Baum aufgerichtet wird, ist gut durchdacht und praktikabel. Ein gewisses Quäntchen an körperlichem Einsatz setzt sie allerdings trotzdem voraus.
Bevor der Stamm mit einer langen Schraube in seinem Haltegestell erstmal drehbar arretiert wird, muss natürlich der Kranz angehängt werden. Auch das erfordert eine bestimmte Fingerfertigkeit. Und nimmt selbstverständlich auch etwas Zeit in Anspruch.
Währenddessen hatten sich dann doch einige Neugierige rund um das Geschehen eingefunden. Zwei Seile dienen dazu, von vorn am Stamm zu ziehen, wenn er sich langsam aufrichtet.
5 oder 6 Mann müssen von unten her drücken, was natürlich immer schwieriger wird, je steiler der Baum steht. Aber wie schon immer, so auch dieses Mal, gingen die wackeren Helden unserer Feuerwehr aus dem ungleichen Kampf als Sieger hervor. Mit Keilen noch ein wenig ausgerichtet und unser Baum stand wie eine Eins.
Unser Lagerfeuerplatz, nur wenige Meter außerhalb der Ortslage, ist eine Ecke, die reichlich von böigen Winden umweht wird. Äußerst selten, wie zum Beispiel am 30. April 2025, handelt es sich dabei um laue Winde. Meist, und so war es auch dieses Jahr wieder, zieht es kühl und frostig über den Platz. Richtige Wickersdorfer kann so etwas freilich nicht abschrecken. Wo ein Grill und diverse Getränke herumstehen, fühlt sich ein Wickersdorfer zu Hause.
So ist so ein Lagerfeuer doch immer wieder Anlass, dass sich Einwohner und Einwohnerinnen, oftmals auch Gäste und Gastinnen, treffen, um, den äußeren Umständen trotzend, dem Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Nachbarn und Freunden zu frönen. Mir persönlich eine besondere Freude war es, Andreas Friedrich, einen ehemaligen Kollegen aus Katzhütte, der seine Zelte allerdings inzwischen an die Ostsee verlegt hat, just an diesem Tage bei uns in Wido wiederzutreffen. Je nach Kälteempfindlichkeit verlassen dann nach und nach die Leute das bunte Treiben, um sich wieder der warmen Gemütlichkeit des eigenen Heimes zuzuwenden. Die Meisten davon aber sicher mit dem festen Vorsatz, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.
Heimatverein Wickersdorf e.V. Eddy Bleyer
Mai 2026