Anatomie eines Vortrages

Anatomie eines Vortrages

Wie sich nach jahrelanger Vortragspraxis in unserem Heimatverein kürzlich ganz unerwartet herausstellte, ist solch ein Vortrag eigentlich gar keine so einfache Sache. Da müssen Steine ins Rollen gebracht werden. Dem simplen Zuhörer erschließt sich ja bei Weitem nicht, welch komplizierter Mechanismus in Gang gebracht werden muss, damit solch ein Vortrag überhaupt vorgetragen werden kann. Wie sich die Vorbereitungen hin bis aufs Äußerste zuspitzen, ehe dann endlich und endgültig feststeht: „Ja, dieser Vortrag wird vorgetragen.“

Da sind zum Ersten und Wichtigsten die Einladungen, welche eine ganz herausragende Rolle übernehmen.

Unumgängliche Basis für jeden Vortrag ist die Einladung an den Vortrager. Dieser entnimmt daraus, dass das Vortragen seines Vortrages überhaupt erst einmal gewünscht wird. Und somit wird er beginnen, sich auf das Vortragen seines Vortrages vorzubereiten.

Sobald nun die Zeit des Vortragens heranrückt, kommen die Einladungen an das potentielle Publikum ins Spiel. Diesem wird damit nämlich bekannt gegeben, dass der Vortrager Willens und wahrscheinlich mittlerweile auch in der Lage ist, seinen Vortrag vorzutragen.

Wie aber, und das ist eine ganz entscheidende Frage, erfährt nun der Vortrager, dass die Einladungen zu seinem Vortrag verteilt wurden und er somit sicher sein kann, dass sein Vortrag auch tatsächlich vorgetragen werden muss?

Ganz einfach! Er bekommt selbst eine Einladung … als Publikum! Aber möglichst pünktlich.

Sonst wird der Vortrager nervös und denkt sich: „Weiß mein Publikum eigentlich, dass ich einen Vortrag vortragen werde? Oder sind womöglich gar keine Einladungen verteilt worden? Dann wäre es ja Quatsch, einen Vortrag vorzutragen.“

Solche oder so ähnliche Gedanken würde sich der Vortrager machen und er würde beim Chef anrufen und fragen: „Muss ich nun vortragen oder nicht?“

Damit würde dann eine Fehler- und Schuldsuche auf den Plan gerufen, die dank unserer modernen Kommunikationsmöglichkeiten schließlich bald zu dem einhelligen Beschluss führen würde, der Vortrag wird vorgetragen. Zumindest im Normalfall. In Ausnahmefällen könnte das Ergebnis schon auch mal anders ausgehen. Womit mein Vortrag über die Anatomie eines Vortrages erst einmal beendet wäre und ich etwas über einen anderen Vortrag vortragen werde.

Und zwar wurde dieser Vortrag von Dr. Uli Knopf am Abend des 16. Februar im Vereinszimmer vorgetragen. Es ging dabei um Grenzstreitigkeiten und Wickersdorfer Flurnamen im Wandel der Zeiten. Uli hatte dazu aktuelles und historisches Bildmaterial zusammengetragen, das er anhand seines Vortrages mündlich kommentierte. An Publikum mangelte es nicht, es mussten sogar noch ein paar Stühle nachgeholt werden, um allen Anwesenden einen Sitzplatz zu bieten. Unter ihnen auch 4 Ehrengäste aus Wittgendorf, Reichmannsdorf  und Meura. Mit Ausnahme von Pfr. Lange konnte ich mir ihre Namen aber leider nicht bis hierher merken. Deshalb können sie bedauerlicherweise hier im Rahmen meines Vortrages keine Erwähnung finden. Obwohl sie es eigentlich freilich verdient hätten. Pfr. Lange hier an dieser Stelle noch einmal ganz explizit herauszustellen, hat aber auch noch einen anderen Grund. Schließlich war er es, der gleich zu Anfang der versammelten Mannschaft ein ganz außergewöhnlich wertvolles Geschenk präsentierte. Ein Buch von August Halm, von dessen Existenz bis dato niemand auch nur etwas ahnte, befindet sich dank Pfr. Lange jetzt in unserem Besitz. Ein Kleinod von unschätzbarer Bedeutung, das uns da übereignet wurde.

Christina und Wolfram Kahle, die das Haus von Gerd Müller gekauft haben und damit in absehbarer Zukunft dort als meine unmittelbaren Nachbarn einziehen wollen, erlebten zum ersten Mal in ihrem Leben einen Vortrag des Heimatvereins mit. An dessen Ende entschlossen sie sich spontan, dem Verein als Mitglieder beizutreten. Was für ein Ende!

Während seines Vortrages fütterte Uli sein Publikum mit allerlei interessanten Fakten darüber, wie sich der Grenzverlauf der Wickersdorfer Flur im Laufe der Jahrhunderte zu dem entwickelte, was er jetzt ist.  Dazu hatte er vordem mit viel Fleiß und Ausdauer in unzähligen alten Schriftstücken und Archiven herumgestöbert, um Dinge ans Licht zu befördern, die für uns anderen längst in Vergessenheit geraten sind. Nach einer Stunde des Vortrages sah er dann ein, dass sein umfangreiches Material doch nicht dazu geeignet ist, es im Rahmen eines einzigen Vortrages zu präsentieren und vorzutragen. Nach eingehender Diskussion einigten sich Vortrager und Publikum schließlich darauf, Uli zu einem späteren Zeitpunkt einen 2. Vortrag vortragen zu lassen, in dem dann das vorgetragen wird, was in diesem 1. Vortrag nicht zum Vortrag kam. Auch einen Termin dafür hatte Haiko schnell parat, denn für Oktober ist ohnehin schon ein Vereinsabend geplant, der dafür sehr gut genutzt werden kann. Ein paar Leuten aus dem Publikum kam verständlicherweise die Pause dazwischen ein wenig zu lang vor. Zum Schluss konnten aber auch jene von der klar verständlichen Logik dieser Entscheidung überzeugt werden.

Fragen zum Thema, sowie die kleine Ausstellung, zu der Uli seine historischen Karten und Dokumente ausgelegt hatte, beschäftigten die Anwesenden im Anschluss noch für eine ganze Weile weiter. So dauerte es schließlich noch eine ganze Zeit, bis sich der Raum merklich leerte. Und die dann gingen, dachten sicher in ihrem Hinterkopf: „Hoffentlich wird bald Oktober. Damit ich endlich mehr erfahre.“

 

Heimatverein Wickersdorf e.V.                                                      Eddy Bleyer

Februar 2018                                                                      Fotos: Haiko Jakob

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